Tote Crackhuren im Kofferraum

The toten Crackhuren im Kofferraum sind eine dieser Bands, die man entweder abgrundtief hasst – oder für immer liebt. Dazwischen gibt es wenig. Seit Mitte der 2000er Jahre mischt das Berliner Kollektiv mit seinem bewusst vulgären Namen, grellen Outfits und radikal ehrlichen Texten die Szene auf und zeigt, wie politisch und poetisch Krawall sein kann. Wo andere Pop machen, machen sie Stress – Electro-Punk, Trash-Schlager, Rave-Pop – und erzählen dabei Geschichten von Prekariat, Feminismus, Suff, Sex, Absturz und Zusammenhalt.

Wie alles im Untergrund begann

Die Band entsteht Ende 2005 im Berlin der Post-Hartz-IV-Jahre, irgendwo zwischen WG-Küchen, Kellern und Clubs wie KitKat, Tresor und White Trash. Gründungsmitglieder sind Luise „Lulu“ Fuckface (bürgerlich Mareen Kießig), Schrüppe McIntosh und Lynn Love – drei Frauen, die keinen Bock mehr auf glattgebügelte Popsternchen haben und stattdessen eine Art Anti-Girlband erschaffen. Sie wollen Songs schreiben, die klingen wie eine durchzechte Nacht: laut, klebrig, kaputt, aber voller Herz.

Anfangs stehen sie mit selbstgebastelten Outfits, billigen Playbacks und roher Energie auf Bühnen von besetzten Häusern und Fetisch-Clubs. Ein frühes Highlight: Auftritte im KitKatClub, bei denen das spätere Management im Latex-Outfit neben dem FOH-Pult steht, während auf der Bühne eine Mischung aus Karaoke-Punk-Performance und politischer Kunstaktion explodiert. In dieser Zeit fungiert Techno-Veteran Jürgen Laarmann kurz als Manager, doch nach Vertragsstreitigkeiten trennen sich ihre Wege – zu viel Kontrolle, zu wenig Chaos.

Über Myspace – damals das soziale Epizentrum der Indie-Szene – entdeckt sie Archi Alert, Frontmann der Punk-Legende Terrorgruppe. Er wird Mentor und Manager, zeigt ihnen, wie man Songs strukturiert, sich einsingt, ein Set dramaturgisch aufbaut. Plötzlich steht hinter dem anarchistischen Haufen eine echte Punk-Schule. Die Crackhuren behalten den Dreck, lernen aber Handwerk – eine explosive Kombination.

Wer hinter den Kunstfiguren steckt

Offiziell treten The toten Crackhuren im Kofferraum unter Fantasienamen auf: Lulu Fuckface, Doreen K. Bieberface (Doreen Nr. 19), Kristeenager, Netja Triebeltäter, Tanna Biertier, Ilay, Lynn Love, Nura – dazu ein paar „Toy-Boys“ an Instrumenten. Dahinter verbergen sich Frauen, die meist in den späten 1980ern geboren wurden, in ost- und westdeutschen Mittelstands- oder Arbeiterfamilien aufwuchsen und sich früh zwischen Popkultur, Punkkeller und Prekariat wiederfanden.

Kernmitglieder von The toten Crackhuren im Kofferraum:

  • Luise „Lulu“ Fuckface – bürgerlich Mareen Kießig.
  • Kristeenager – bürgerlich Kristin Soldner.
  • Doreen K. Bieberface (Doreen Nr. 19) – bürgerlich Doreen Kappel.
  • Ilay – bürgerlicher Name ist öffentlich nicht eindeutig belegt; in Line-ups wird nur der Künstlername geführt.

Frühere bzw. weitere Mitglieder mit Klarnamen:

  • Netja Triebeltäter – bürgerlich Janet Triebel.
  • Tanna Biertier – bürgerlich Tanna Barthel.

Lulu, bürgerlich Mareen Kießig, wird zur zentralen Figur der Band. Mitte 30, aufgewachsen in einem Umfeld, in dem man „was Ordentliches“ lernen soll, entscheidet sie sich lieber für das Unordentliche: Kunst, Lärm, Widerspruch. In Interviews klingt immer wieder durch, dass ihre Familie zwar nicht alles versteht, was sie auf der Bühne macht – aber im Kern hinter ihr steht, solange sie nicht komplett vor die Hunde geht. Doreen, die mit spitzem Humor über Food, Tourleben und Politik spricht, erzählt gerne von einer Familie, in der es zwar nicht viel Geld, aber viel Humor gab – und dieses Lachen rettet sie heute so manches Mal durch ausverkaufte, stickige Clubs.

Die Band ist im Kern eine Ersatzfamilie: ein Schutzraum für queere, laute, sensible Menschen, die sich in der klassischen bürgerlichen Familienform nie ganz zu Hause fühlten. 15 Jahre Showbiz haben sie nur überlebt, weil sie sich im Inneren ernst nehmen, auch wenn nach außen alles wie Klamauk aussieht.

Blick auf die Gründung

Die Band wurde Ende November 2005 in Berlin gegründet. Gründungsmitglieder waren Luise „Lulu“ Fuckface, Schrüppe McIntosh und Lynn Love, die sich in der Berliner Club- und WG-Szene zusammengetan haben. Laut Lulu entstand die Idee betrunken auf einem Balkon, während man mit viel Rotwein im Kopf überlegte, eine eigene Band zu gründen und sich möglichst absurde Namen ausdachte – aus dieser Wein-Laune heraus blieb schließlich „The toten Crackhuren im Kofferraum“ hängen.- Die Idee war, alles zu übertreiben, was als „schlimm“ gilt: Tod, Drogen, Sexarbeit, Gewalt – und das Ganze in ein Bild zu packen, das so extrem ist, dass es fast schon wieder comicartig wirkt.

Der Name:
In Interviews betonen sie, dass der Name The toten Crackhuren im Kofferraum genau das machen soll, was ihre Musik tut: gesellschaftliche Tabus aufreißen, Begriffe entwaffnen, die sonst gegen marginalisierte Menschen verwendet werden, und daraus eine eigene, provokante Kunstfigur bauen.

Später kamen weitere Sängerinnen, Tänzerinnen und die sogenannten Toy-Boys als Musiker dazu, wodurch sich das Projekt von Anfang an eher wie ein wildes Elektro-Pop-Kollektiv als eine klassische Band anfühlte.

Warum sie unbedingt provozieren wollen

Der Name ist Programm. „The toten Crackhuren im Kofferraum“ klingt, als hätte jemand alle Tabuwörter in einen Mixer geworfen. Genau das ist Absicht: Sie wollen in einem einzigen Satz deutlich machen, wie brutal, sexistisch, sensationsgeil unsere Gesellschaft ohnehin ist – und ihr diesen Spiegel vorhalten.

Ihre Provokation richtet sich weniger gegen einzelne Personen als gegen Strukturen: Sexismus in der Musikindustrie, Klassismus, den Zwang zur Coolness und zur perfekten Selbstinszenierung. Wenn sie sich selbst „Crackhuren“ nennen, nehmen sie den schlimmsten Begriffen die Wucht und drehen sie um in Stärke: „Wir bestimmen, wie wir heißen – nicht ihr.“ Auf ihren Shirts steht „Lower Class Girls“, auf der Bühne singen sie über Armut, billigen Sekt, Liebeskummer und Wut – aber immer mit einem Lächeln, das sagt: Wir weinen später, heute wird getanzt.

Ein legendäres Beispiel: Als sie 2008 als Vorband von K.I.Z auftreten, wird die Band vom Publikum bespuckt, mit Gegenständen beworfen, ausgebuht – viele wollen diese Mischung aus feministischer Aggression und Sexhumor nicht akzeptieren. Statt einzuknicken, spielen sie die Tour zu Ende und nehmen die Erfahrung als Treibstoff. Heute erzählen sie die Story als Anekdote: Die Jungs, die damals „Runter von der Bühne!“ brüllten, stehen heute vielleicht mit ihrer Partnerin im Publikum, wenn TCHIK Festivals wie Rocco del Schlacko zerschießen.

Vom „Casting-Schrott“ zu Chart-Erfolgen

2010 erscheint beim Major-Label Universal das Debütalbum „Jung, talentlos & gecastet“ – ein Titel, der sich über Castingshows und den Kommerz-Zirkus lustig macht, dem sie sich gleichzeitig kurz ausliefern. Das Video zu „Ich und mein Pony“ wird zum Szenehit, sammelt über eineinhalb Millionen Klicks und verbreitet das Bild von halbnackten, glitzernden, rotzfrechen Frauen, die mit Fuchsschwänzen und Plastikschmuck eine eigene Popwelt bauen.

Es folgen „Mama, ich blute“ (2013) und „Bitchlifecrisis“ (2019). Letzteres schafft es erstmals in die Top 50 der deutschen Albumcharts – ein Zeichen dafür, dass ihre Mischung aus Electro-Punk, Techno-Pop, Schlager-Trash und Rave-Hymnen inzwischen auf offene Ohren stößt. 2021 erscheint das vierte Album „Gefühle“, auf dem sie ihre Radikalität mit mehr Melancholie und emotionaler Tiefe verbinden.

Der Sound von The toten Crackhuren im Kofferraum ist schwer einzuordnen: harte Elektro-Beats, einfache, eingängige Hooks, verzerrte Synths, dazu Sprechgesang, Shouts und manchmal fast schlagermäßige Refrains. Sie nennen es selbst augenzwinkernd „Elektro-Schlager-Punk-Trash“ – Musik, die nach Technokeller, Dorfdisko und Demo zugleich klingt.

Eine Band, die nie leise war

Die Tourgeschichten von TCHIK könnten ganze Bücher füllen. In einem Interview erzählen sie, wie sie in ihrem Nightliner-Bus sitzen, der von außen nach Rockstar-Luxus aussieht – innen aber vor allem aus Wasserflaschen, Cola und Snacks besteht. Während andere Bands Klischees mit Koks und Suff bedienen, snacken die Crackhuren Hummus, reden über antifaschistische Tauben und überlegen, welches DIY-Outfit sie als Nächstes auf der Bühne zerstören.

Bei einem Auftritt in Chemnitz bringen sie ein leuchtendes „CRACKHUREN“-Schriftzug-Set mit und hauen dem Publikum nicht nur Songs, sondern eine komplette Choreografie um die Ohren – und zwar mit Tänzerinnen, die eher nach Freundinnen vom Späti als nach professionellen Dancerinnen aussehen. Genau das ist der Punkt: Jede Person auf der Bühne könnte genauso gut neben dir an der Bar stehen. Dieses Gefühl, dass alle dazugehören, macht ihre Shows so intensiv.

Eine andere Anekdote dreht sich um Weihnachten: Im Radio-Interview erzählen sie, wie sie auf Tour durch halb Deutschland fahren, im Bus Weihnachtsdeko anbringen und unterwegs die „schönsten Hummus-Spots“ küren. Punk, aber mit Tupperdose.

Heute: Familie, Feminismus und Festivalbühnen

Mehr als 15 Jahre nach Gründung sind The toten Crackhuren im Kofferraum zu einer eingespielten Einheit geworden – heute hauptsächlich Lulu, Doreen, Kristeenager und Ilay. Viele von ihnen teilen sich längst nicht mehr nur Backstageräume, sondern Lebenszeit: Beziehungen, Trennungen, Umzüge, manchmal auch Kinder und Familienchaos werden zwischen Soundcheck und Nachtfahrt verhandelt. Familienmitglieder tauchen bei Konzerten auf, stehen mit im Publikum, bringen Kuchen mit, während auf der Bühne von „Bitchlifecrisis“ die Rede ist – eine seltsame, liebevolle Überschneidung von Punkzirkus und Alltag.

Inhaltlich bleibt die Band bissig. Sie singt gegen Faschismus, Mackertum, Leistungsdruck – aber nicht aus akademischer Distanz, sondern mit einem klaren „Wir sind selbst betroffen“-Blick. Ihr „Lower-Class-Bewusstsein“ ist keine Pose, sondern eine Lebensrealität: beschissene Jobs, unsichere Honorare, prekäre Kunstförderung. Doch statt zu jammern, verwandeln sie Frust in Party, Wut in Refrains, Angst in kollektives Brüllen.

Musikalisch spielen sie heute auf Festivals, in Theatern wie dem HAU in Berlin und auf Clubtouren, die regelmäßig ausverkauft sind. Ihr aktuelles Schaffen zeigt: Provokation war nie Selbstzweck, sondern eine Waffe, um sichtbar zu sein – für all jene, die sich in Hochglanz-Pop nie wiedergefunden haben.

The toten Crackhuren im Kofferraum sind damit mehr als eine Band. Sie sind eine laute, fluchende, glitzernde, zutiefst solidarische Wahlfamilie, die den Dreck nicht kaschiert, sondern ihn mit Neon umrundet – und genau darin liegt ihre Faszination.

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