Schallplatte aus Biokunststoff

Revolution oder Unsinn? Ein Start-up aus Großbritannien bringt die erste Schallplatte aus Biokunststoff auf den Markt und will die Schalplatte revolutionieren.

Vinyl Schallplatte stark nachgefragt

Das britische Unternehmen Evolution hat nach eigenen Angaben die weltweit erste Schallplatte aus Biokunststoff hergestellt. Biokunststoffe werden aus Quellen wie Zucker und Stärke (und nicht aus Öl oder) gewonnen und verursachen keine giftigen Abfälle. Die Produktion der neuen Schallplatte wird von der NGO Music Declares Emergency, einer Kampagnengruppe (2019 gegründet) gegen den Klimawandel, unterstützt. Das Unternehmen hofft, damit den Bedarf an hochgiftigem PVC zu senken.

Wenn es Evolution gelingt, eine alternative, Schallplatte aus Biokunststoff zu entwickeln, könnte sie eines der wichtigsten umweltverschmutzenden Elemente der Musikindustrie vollständig beseitigen. Kritische Stimmen fragen sich natürlich, ob das nicht Unsinn ist, immerhin wird Musik heute fast nur noch ausschließlich per Download und Streaming gehört. Oder doch nicht?

Vinyl-Schalplatte immer noch beliebt

Tatsächlich hat sich in den letzten Jahren eine neue Entwicklung aufgetan. Während die Absatzzahlen von CD-Alben 2021 auf ein neuen Tiefpunkt (25,1 Millionen in Deutschland) sanken, stieg die Nachfrage bei Vinyl. Wurden 2010 gerade einmal 500.000 Vinyl-Schallplatten in Deutschland gekauft, waren es 2021 bereits wieder 4,5 Millionen Stück (Quelle Statista). Die Nachfrage steigt seit Jahren an. In den USA gibt es mittlerweile wieder über 3.000 Plattenläden. Letztes Jahr wurden in den Staaten fast 42 Millionen Vinyl-Schallplatten (51 Prozent mehr als im Vorjahr) verkauft. Das ist den jüngste Boom bei den Vinylverkäufen in den USA, der  im letzten Jahr die Marke von einer Milliarde Dollar überschritten haben (das erste Mal seit Mitte der 1980er Jahre).

Natürlich erfolgt der größte Umsatz über Download und Streaming. Dennoch zeigt sich, dass die Nachfrage nach Vinyl Jahr für Jahr in den Industriestaaten steigt.

Ist Vinyl schädlich?

Derzeit werden alle Vinyl-Schallplatten aus Polyvinylchlorid (PVC) hergestellt – von Greenpeace als „der umweltschädlichste Kunststoff“ bezeichnet, bei dessen Herstellung giftige, chlorhaltige Chemikalien freigesetzt werden, die sich „im Wasser, in der Luft und in der Nahrungskette anreichern“.

Nur wenige haben das Vinyl-Revival, das Mitte der 2000er Jahre begann, vorhergesehen, so dass sich die Plattenfirmen bemühen mussten, PVC zu sichern – und sich dabei oft auf ausländische Firmen mit schlechter Sicherheitsbilanz verlassen haben. Kyle Devine, der das Buch „Decomposed“ über die Umweltauswirkungen der Musikindustrie geschrieben hat, sagte, dass das PVC für 90 % der US-Vinyls im Jahr 2015 von einem thailändischen Unternehmen stammte, dass die Umweltverschmutzung in den Fluss von Bangkok leitete. PVC  ist schwierig zu entsorgen, zu recyceln oder zu zersetzen.

Die ersten Schallplatten mit Biokunststoff

Evolution hat die ersten 20 Platten, die mit dem Biokunststoff hergestellt wurden, über ein kostenpflichtiges Gewinnspiel veröffentlicht – eine Zusammenstellung von jungen Künstlern, darunter das Elektro-Duo Bicep und die US-Sängerin Angel Olsen. Aufgrund von Verzögerungen durch die Covid-Pandemie dauerten die Tests fast fünf Jahre, aber das Unternehmen sagt, dass sie fast genauso gut sind wie normale Schallplatten.

Die Compilation enthält vier Tracks von Bicep, Porridge Radio, Angel Olsen und Black Country sowie New Road – allesamt Künstler, die mit Ninja Tune und Secretly verbunden sind. Beide Labels haben jeweils zwei Tracks beigesteuert.

Das letzte Puzzleteil ist, dass es beim Abspielen der Schallplatte ein leichtes Oberflächengeräusch gibt, woran das Unternehmen derzeit arbeitet. Music Declares Emergency ist sich darüber im Klaren, dass die Änderung der Produktion von Vinyl-Schallplatten wenig am Klimawandel ändern wird, solche Innovationen seien jedoch symbolisch wichtig.

Viele Player auf dem Markt

Nicht nur das Unternehmen aus Großbritannien ist in dem Markt aktiv. Auch in Deutschland und anderen Ländern wird dazu geforscht. So zum Beispiel in der kleinen Stadt Halle-Saale, in der schon vor ein paar Jahren ein Designstudent die Musikscheibe neu erfinden wollte. Alexander Rex (Kunstschule Burg Giebichenstein) forscht schon seit 2016/17 an Alternativen zu der erdölbasierten Vinyl-Schallplatte. Auch er setzt auf Biokunststoffe (Polymilchsäure – PLA).

Die Probleme

Wer eine Schallplatte aus Vinyl kauft, macht das nicht aus nostalgischen Gründen, sondern wegen dem Klangerlebnis. Genau da liegt das erste Problem. Eine Schallplatte aus Biokunststoff wird nur dann überzeugen, wenn der Klang dem Original nahe kommt.

Auch in der Produktion stoßen wir auf mehrere Punkte, die das Projekt erschweren könnten. So ist die Produktion von Schallplatten aus Biokunststoffen ganz anders. Die bestehenden Maschinen müssten umgerüstet und die Produktionsabläufe geändert werden. Ob sich der Aufwand am Ende lohnt, ist nicht geklärt. Unabhängig davon, ist der Gedanke jedoch eine spannende Innovation.

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