Newcomer René Kladzyk

Newcomer

Sicherlich habt ihr schon etwas von René Kladzyk gehört. Eine Frau, eine Newcomerin, eine Sängerin, mit einer Stimme, die ich immer wieder hören könnte.

Als sie neun Jahre alt war, wurde der Job ihres Vaters in der Autoindustrie verlegt und sie zogen von Michigan nach El Paso, wo er ihre Stiefmutter aus der benachbarten Ciudad Juárez kennenlernte. Ihre Kindheit prägt ihre Musik – ihr verlassenes Haus in Michigan diente als Schauplatz für das Video zu „With the Fire“ und sie schrieb viele Songs während ihrer Masterarbeit darüber, „wie sich die Identität von Grenzgängern im Kontext von Gewalt verändert“.

Aber auf ihrem Debütalbum ist ihre Geschichte nicht so geradlinig. Stattdessen nimmt Kladzyk den Spitznamen Ziemba an und singt in einer, wie sie es nennt, „Traumwelt-Doppelsprache“, in der sie emotionale Gedichte um reale Gefühle webt.

Emotional und Real

Die Singles, die vor der Veröffentlichung von Kladzyks Debüt-LP „Hope is Never“ erschienen, waren verwirrend. Sie reichten von einer A-cappella-Kakophonie bis hin zu einer fröhlichen Wiedergabe einer Psych-Folk-Untergangsprophezeiung von 1969. Die Texte klagen, aber die Musik feiert, und die Überschneidung der beiden fasziniert.

Dieses Album wurde wohl in der politischen Identität von El Paso geboren. In einem Interview erklärte sie dazu, dass sich der Track über die texanische Metropole eigentlich auf ihre Schwester Juárez bezieht. „Ich habe den Wandel dieser Stadt aus erster Hand miterlebt“, erzählt Kladzyk und beschreibt den Ausbruch der Gewalt in den späten Nächten, den die Welt weitgehend ignorierte. Der Song „El Paso“ ist eine mythische Hölle, gesungen mit einer allwissenden Grausamkeit.

Hölle der Grausamkeiten

„El Paso buried under red hot lava, blazing brimstone, hollow every syllable“, heißt es in dem Lied, das sich um eine Reim- und Silbenstruktur dreht, die den komplexen Gleichungen ähnelt, die Joanna Newsom für das Schema von „Leaving the City“ aufgestellt hat. Die Gitarrenriffs schwirren wie eine Westernballade, während der lodernde Schwefel uns umgibt, aber die letzte Zeile von „El Paso“ gibt uns etwas, woran wir uns festhalten können: Es gibt „Tugend, die durch Schlachtrufe gehört wird“.

Es sind Momente wie diese, die sich durch das ganze Album Hope is Never ziehen und einen Schimmer von dem vermitteln, wovon Ziemba uns anscheinend überzeugen will, dass es nicht existiert. Die meisten davon sind kleine Zusätze in Songs wie „El Paso“ oder werden visuell bestätigt, wie in dem wunderbar fröhlichen Video zu „Rapture“, obwohl es in diesem Track um das Ende der Tage geht. Aber „Tiger Woman“ geht keine Kompromisse ein, sondern ist ganz und gar ermächtigend. „Ich laufe, weil ich Lust dazu habe!“ schreit Ziemba, Optimismus und Autorität im Überfluss. Aber so wie wir in „El Paso“ die Grenzen der Trauer kennengelernt haben, spürt man, dass auch diese innere Kraft nicht von Dauer sein wird. Gegen Ende wird ihr Gesang angestrengt, die Melodien geraten außer Kontrolle und wir sind mittendrin. War unsere Kraft nur flüchtig?

Schmerz als Fokus

Das führt uns direkt zum Namensgeber des Albums, dem titelgebenden Schmerz, „Hope is Never“. Der Song ist eine kontemplative Abwechslung zu „Tiger Woman“, aber er lebt auch von den letzten Momenten der Katastrophe im vorangegangenen Stück. Anstatt sich auf äußere Wertvorstellungen zu verlassen, wendet sich Ziemba nach innen und denkt über die Was-wäre-wenn-Situation der Vergangenheit nach und darüber, wie die Dinge heute anders sein könnten. „I wouldn’t mind holding to some vow“, singt sie in Anspielung auf eine gescheiterte Beziehung, die auch in „With the Fire“ und „Where Without“ vorkommt.

Aber Gelübde sind nicht nur für die Ehe gedacht. Sie sind Verpflichtungen von großer Tragweite und von Natur aus spirituell. Die Andeutung, dass sie sich wünscht, ein Gelübde halten zu können, reicht aus, um die Fähigkeit unserer Seelen zu beweisen, nach einer Tragödie weiterzumachen und wieder an etwas zu glauben.

Der schlendernde Synthesizer von „Hope is Never“ führt uns zum nächsten Song, „Hope is a Fold“. Kladzyk beschreibt die Tracks als verzerrte Spiegel voneinander, die jeweils eine Interpretation der Idee der Hoffnung verdrehen. Der Synthesizer nimmt eine aufsteigende Flugbahn ein und verzeiht fast die Vorstellung, eine emotionale Krücke zu brauchen. „Wer klammert sich nicht, wenn er die Liebe verliert?“ Mit der Absolution wird der Optimismus wiederhergestellt, und wir fühlen uns wieder Herr der Lage.

Tatsächlich beginnt das Album mit einer Hymne über die sich ständig verändernde Natur der Gefühle. In „It Curls Itself“ singt ein Chor aus Ziemba in Harmonien und Reigen.

In „El Paso“ taucht ein symbolisches Feuer in der Erzählung auf, und zwar im traditionellen Sinne als brutaler Ausdruck des Todes. Texte wie „hellfire tiptoe dancing, a buccaneer necromancing“ beschwören Bilder der Zerstörung in einem Universum herauf, das wir uns weigern, als das unsere anzuerkennen. Dennoch bemerkt Kladzyk, dass El Paso immer wieder als eine der sichersten Großstädte des Landes eingestuft wird, während die Kriminalitätsrate in Juárez einst zehnmal höher war als in Bagdad. Diese Gegenüberstellung ist schwer zu begreifen und Ziemba stellt dieses Gefühl der Hoffnungslosigkeit wirkungsvoll dar.

Musik geboren aus Schmerz

Ziembas Musik beweist vor allem, dass wir immer noch einen Sinn in unserem menschlichen Dasein finden können. Obwohl Hope is Never aus Schmerz geboren wurde, ist es ein Zeugnis für das Gute in unserer Welt. Wie Kladzyk es ausdrückt: „In jedem Moment, in dem Brutalität oder Missbrauch beobachtet wird, gibt es die Möglichkeit, all die Freundlichkeit, Liebe und Gemeinschaft zu sehen, die als Reaktion darauf ausströmt.“

✌ Tanja ist ein richtiger Musiknerd. Aktuell studiert sie Jura und findet dennoch immer Zeit für Konzerte und coole Artikel auf unserem Musikmagazin Ton An.

✉ Tania[@]ton-an.com


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