Popsongs – Wie lange sollten sie sein

Popsongs werden immer kürzer. Liegt in der Kürze die Würze? Können dadurch höhere Tantiemen erzielt werden?

Popmusik - Liegt die Würze in der Kürze

Immer wieder wird darüber diskutiert, wie lange Popsongs eigentlich sein sollten. Auf den Streamingdiensten erkennen wir seit längerer Zeit zahlreiche Stücke, die nur wenige Minuten, oft unter 2:50 Minuten, aufweisen. Die englische Band Napalm Death hält gar den Rekord für das kürzeste Musikstück Your Suffer und bekam dafür einen Eintrag ins Guinness Buch. Veröffentlicht wurde der Track 1987 und ist gerade einmal 1,316 Sekunden lang. Der Liedtext besteht nur aus der Zeile You Suffer But Why. Das Leid der Hörer dürfte bei diesem Mini Song durchaus verständlich sein. Das Leipziger Label analogsoul setzt ebenfalls auf Minimalismus und hat auf dem Album #31s ganze 31 Kompositionen mit je einer Spieldauer von 31 Sekunden veröffentlicht. Ein Versuch, der natürlich in der Masse nicht Markttauglich ist. Dennoch scheinen bei den Hörern kurze Popsongs immer beliebter zu werden. Es gibt aber noch andere Gründe, die eben genau dafür sprechen. Dazu gleich mehr.

Live über 10 Minuten … heute kaum vorstellbar

Epische Stücke wie Stairway To Heaven (Led Zeppelin) mit über acht Minuten Spielzeit, Smells Like Teen Spirit (Nirvana) live mit 5:30 Minuten  oder Bohemian Rhapsody (Queen) mit immerhin noch sechs Minuten sind in den letzten Jahren selten geworden. Die ideale Länge eines Popsongs soll bei zwei Minuten liegen. Zwei Minuten?

Popsongs – Einfluss durch Streaming und Social Media

Um den Hörer heute zu erreichen, gleitet der Fokus auf Wahrnehmung und Aufmerksamkeitsspanne. Dabei haben sowohl die Social Media Plattformen als auch die ganzen Streamingdienste wie Spotify, YouTube und Co. die Art, wie wir Musik konsumieren, verändert. Die Aufmerksamkeitsspanne eines Users, der sich regelmäßig im Internet bewegt, ist deutlich gesunken. Darüber hinaus gilt zum Beispiel beim Streaming ein Lied als abgerufen, wenn es mindestens 31 – 40 Sekunden gelaufen ist. Ab diesem Zeitpunkt wird es als Einnahme für den Künstler gewertet.

Napalm Death – Der kürzeste Song – Rekord!

Doch wie soll ein Song, ganz egal ob Popmusik oder Rock, kurz und knackig werden, dass es gerade einmal zwei Minuten lang ist. Für die meisten Musiker dürfte das eine Herausforderung sein. Weg mit dem Gitarrensolo, weg mit dem Intro. Möglichst in allen Passagen singen. Die klassische Struktur beim Popsong aus Strophe und Refrain wird damit aufgelöst. Der Blickpunkt fällt damit auf den Refrain, der ausgedehnt werden könnte, während an der Strophe gespart wird. Zudem ist die Länge natürlich auch immer eine Frage der Geschwindigkeit. Stairway To Heaven oder Brother in Arms sind langsam und lassen sich nicht auf 2 Minuten reduzieren. Die Sängerin Pixey hingegen hat sich der Veränderung bereits angenommen. Ihr Popsong Sunshine State ist gerade einmal 2:17 Minuten lang.

TikTok verändert die Popmusik

Auch die Video-Plattform TikTik trägt dazu bei, dass sich Popmusik deutlich verändert hat. Viele Sänger und vor allem Newcomer nutzen mittlerweile die Plattform, um mit kurzen Songs möglichst viel Reichweite zu kommen. Dabei müssen die Höhepunkte auf wenige Sekunden konzentriert werden.

Umsatz geht heute anders

Denken wir an die langen epischen Stücke, die sich häufig über eine Spielzeit von mehr als fünf Minuten zogen, sollte auch beachtet werden, dass es damals noch die Schalplatte aus Vinyl gab und die CD. Die Dauer war ein Marketingeffekt, um die Platte als Ganzes zu einem guten Preis verkaufen zu können. Vinyl und CD sind aber heute eher eine Seltenheit. Streaming und Download bestimmen den Markt. Auch die Länge im Radio war damals wichtig für die Tantiemen. Ebenso ging es im Radio um Werbeeinblendungen, so dass die meisten Songs damals drei bis fünf Minuten lang waren.

Popmusik mit Sonnenschein-Effekt
Sunshine State von Pixey nur 2:23 Minuten lang

Für Musiker gibt es jedoch nun eine ganz andere Währung, auf die auch die Länge der Tracks ausgerichtet wird. Die Streaming und Klickzahlen auf den jeweiligen Portalen sind mittlerweile das A und O und beeinflussen Songwriting und Produktion.

Die Kalkulation ist einfach. Der Hörer entscheidet in den ersten Sekunden, ob ihm ein Lied gefällt. Falls nicht, klickt er weiter. Maßgebend ist am Ende auch nur, dass der User mindestens über 31 Sekunden lang den Song hört, damit dieser für die Einkünfte gewertet werden kann. Die Kürze spielt dabei aber noch einen weiteren Grund. So fand man heraus, das Popsongs mit um die zwei Minuten nochmals angeklickt werden. Dadurch verdoppelt sich bereits die Einnahme für den Künstler. Ein Song wie Stairway To Heaven hätte heute praktisch keine Chance mehr.

Musik muss nicht mehr perfekt klingen

War man früher noch bemüht, dass Musik perfekt klang, geht es heute einfach nur um Klickzahlen. Das liegt auch daran, dass die meisten Songs nicht mehr über die HiFi-Anlage gehört werden, sondern mobil über das Smartphone. Vielfach ist das bei den neusten Songs sehr gut zu beobachten. Die Qualität hat deutlich abgenommen. Die meisten Popmusik Stücke sind für das Hier und Jetzt gemacht und geraten relativ schnell in Vergessenheit. Ohrwürmer sind kaum noch zu finden.

Musik muss nicht mehr perfekt klingen

Zwei Minuten und ein paar Sekunden

Eine Länge von zwei Minuten ist heute ein wichtiger Fokus für die Wahrnehmung und  Aufmerksamkeit der Hörer. Blicken wir auf die Charts, lassen sich kaum noch Popsongs erkennen, die länger als 2:50 Minuten laufen. Das Stilmittel Intro, Bridge und Gitarrensoli scheint ein Relikt der Vergangenheit.

Das Magazin Quartz hat die Länge von Popsongs vor einigen Jahren einmal analysiert und kam zu dem Ergebnis, dass diese von 2013 – 2018 im Schnitt 3:50 Minuten betrugen und nach 2018 auf 3:30 Minuten schrumpften. Mittlerweile sind wir davon weit entfernt und liegen tatsächlich bei 2:50 Minuten.

PinkPantheress – Mit 1:31 Minuten direkt in die Charts

Die britische Sängerin PinkPantheress setzt bei fast allen Songs auf Kürze. Sie schaffte es sogar mit den Popsongs Break It Off und Pain (jeweils nicht länger als 1:40 Minuten)  direkt in die britischen Charts.

Aber macht das für Musiker Sinn

Ja, viele Musiker sind in Not, nicht erst seit Corona. Das Umfeld der Einnahme-Möglichkeiten hat sich enorm gewandelt. Die Technik bestimmt Länge und Qualität der Popsongs. Am Ende, so schlimm es sich anhört, müssen auch Musiker von ihrer Tätigkeit leben können. In der Kürze liegt also durchaus die derzeitige Würze. Am Ende kommt es aber auf Melodie und Text an, die den Hörer auf eine Reise mitnehmen sollen, die auch länger als 2 oder 4 Minuten dauern darf. Eine Rolle spielt auch die Reichweichte und Bekanntheit eines Künstlers. Ein Newcomer wie Pixey muss genau kalkulieren und rechnen, um von der Musik leben zu können. Bekannte Popstars mit Hunderttausenden von Fans können dagegen ganz anders kalkulieren.

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